Die Levermann-Strategie

Die Levermann-Strategie

Susan Levermann hatte es satt! Einen Tag, nachdem sie den Preis für den besten Deutschland-Aktienfonds über 1 und 3 Jahre im Empfang nehmen durfte, kündigte sie Anfang 2008 ihren Job als Fondsmanagerin bei der DWS. Statt Freude und Glück zu empfinden, quälten sie eine große Sinnleere und Trübsal. Und so suchte den Sinn ihres Tuns als Lehrerin an einer Gesamtschule in Berlin. Doch nicht, ohne zuvor ein Versprechen einzulösen: für ihre Anleger einen Börsenratgeber zu schreiben, der ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammenfasst und zum großen Teil einen Leitfaden darstellt, um an der Börse erfolgreich zu sein.

Das Buch

Susan Levermann beschreibt in ihrem sehr kurzweiligen Buch Der entspannte Weg zum Reichtum nicht nur, welche psychologischen Fehler Anleger typischerweise an der Börse machen (Überschätzung, Lieblingsaktien, Kursanker, …), sondern auch wie sich solche Fehler mit einer klar definierten Strategie vermeiden und zum eigenen Vorteil nutzen lassen. Neben solch eher allgemeinen Aussagen zeigt sie auch konkret, durch welche logischen Vorgehensweisen sich in der Vergangenheit empirisch Überrenditen erreichen ließen. Das Ganze mündet dann in ihrer eigenen quantitativen Strategie, die sie dem Leser im Detail und anhand eines konkreten Beispiels vorstellt.

Die Strategie

Die Levermann-Strategie besteht grundsätzlich aus 13 Kennzahlen, nach denen Unternehmen bewertet werden. Hierbei kommt ein gleichgewichtetes Scoring-System zum Einsatz: für jede der 13 Kennzahlen bekommt ein Unternehmen -1, 0 oder 1 Punkt. Die Punkte der Einzelkennzahlen werden dann aufsummiert, womit sich eine Gesamtpunktzahl zwischen -13 und 13 ergibt. Je nach Marktkapitalisierung ergibt diese Punktzahl ein Signal zum Kaufen, Halten oder Verkaufen der jeweiligen Aktie. Für Large Caps (Kapitalisierung > 5 Mrd. €) ergeben mind. 4 Punkte ein Kaufsignal, bei höchstens 2 Punkten wird verkauft. Mid (> 2 Mrd. €) und Small Caps werden erst ab 7 Punkten gekauft und bereits bei 4 Punkten oder weniger verkauft. Ein weiteres Selektions-Modell ließe sich erstellen, indem man zunächst eine Rangliste erstellt und dann z.B. die Top 10% kauft, unabhängig von der Bewertung. In der praktischen Anwendung habe ich bisher allerdings nur Variante 1 gesehen.

Die Levermann-Kennzahlen werden im regelmäßigen Turnus geprüft, dabei auftretende Verkaufsignale werden unabhängig von Gewinn/Verlust direkt umgesetzt, was wieder Platz für neue Aktien schafft, die ein Kaufsignal haben. Die Prüfung der Kennzahlen sollte nicht zu oft stattfinden, laut Fr. Levermann beispielsweise alle 2 Wochen. Bei einzelnen Kriterien ist es sinnvoll, ihre Prüfung an das Auftreten bestimmter Ereignisse zu binden, z.B. die „Reaktion auf Quartalszahlen“ an den Veröffentlichungstag der neuen Quartalszahlen, um dann direkt handeln zu können (und eine gewisse Trägheit der Börse auszunutzen).

Ziel der Levermann-Strategie ist es die besten Aktien zu finden, die qualitativ eine gute Bewertung vorweisen können, zudem gut bewertet sind und an der Börse für positive Überraschungen sorgen könnten. Sie ist allerdings keine Garantie nur Gewinner-Aktien hervorzubringen. Viele der Kennzahlen und ihre Kombination liefern empirisch betrachtet im Schnitt eine Überrendite, den Kurs einer Aktie vorhersagen kann man damit aber (natürlich) auch nicht. Umso wichtiger ist eine Diversifikation des Portfolios, indem mind. 10, besser 15-20 Aktien gehalten und regelmäßig auf die Levermann-Kriterien geprüft werden. Sinnvoll erscheint hierbei ebenfalls eine Streuung über unterschiedliche Märkte, Branchen und Kapitalisierungen.

Die Kennzahlen

Den 13 Kennzahlen wird noch ein separater Beitrag gewidmet werden, hier aber schonmal ein Überblick:

Qualität

  1. RoE letztes Jahr:
    Eine hohe Eigenkapitalrendite (Return on Equities) zeichnet ein gutes Geschäftsmodell aus.
  2. EBIT-Marge:
    Hohe Margen sind ebenfalls kennzeichnend für eine hohe Qualität.
  3. Eigenkapitalquote:
    Die Eigenkapitalrendite sollte nicht zu Lasten der Eigenkapitalquote gehen, daher wird ein hoher Wert hier besser bewertet.

Bewertung

  1. KGV 5 Jahre:
    Das Kurs-Gewinn-Verhältnis über 5 Jahre wirkt der Zyklizität vieler Unternehmensgewinne entgegen.
  2. KGV aktuell:
    Das KGV auf Basis der aktuellen Gewinnschätzungen ist ein Indikator, ob eine Aktie momentan billig oder teuer bewertet ist.

Stimmung

  1. Analystenmeinungen:
    Sind Analysten negativ eingestellt, kann dies häufiger zu positiven Überraschungen führen (wenn Gewinnrevisionen bzw. Quartalszahlen positiver ausfallen als erhofft). Bei durchweg positiven eingestellten Analysten ist diese Stimmung zumindest bei Large Caps meist schon eingepreist.
  2. Reaktion auf Quartalszahlen:
    Die Börse wird regelmäßig positiv überrascht, wenn Quartalszahlen besser ausfallen als erhofft. Auch mittelfristig legen solche Aktien noch eine bessere Performance hin. Fallen Quartalszahlen negativ aus, ist das Grund zur Vorsicht, denn: eine negative Überraschung kommt selten allein.

Momentum

  1. Gewinnrevisionen:
    Verglichen werden hier die aktuellen Gewinnschätzungen für das aktuelle und kommende Jahr gegenüber den Schätzungen vor einem Monat. Wurden sie angehoben, so ist das eine positive Überraschung und wird entsprechend honoriert.
  2. Kurs heute gg. Kurs vor 6 Monaten:
    Durch psychologische Fehler bilden sich länger anhaltende Kurstrends heraus, die hier berücksichtigt werden.
  3. Kurs heute gg. Kurs vor 1 Jahr:
    Durch psychologische Fehler bilden sich länger anhaltende Kurstrends heraus, die hier berücksichtigt werden.
  4. Kursmomentum steigend:
    Eine Aktie, die über 6 Monate steigt, über 12 Monate jedoch nicht gestiegen ist, wird höher bewertet. Hier wird das Momentum des relativ neuen Kurstrends ausgenutzt.

Technik

  1. Dreimonatsreversal:
    Nur für Large-Cap Leitindex-Aktien: lag die Performance in den letzten 3 Monaten immer unter dem Leitindex, ist es wahrscheinlich, dass sie bald darüber liegen wird, um zum Mittelwert zurückzukehren. Dies liegt v.a. am Druck auf die Fonds-Manager, am Ende eines Monats-/Quartals-Zeitraums die besten Aktien im Fonds vorweisen zu können „Window-Dressing“). Daher fließt diese Reversal-Kennzahl mit in die Bewertung ein.

Wachstum

  1. Gewinnwachstum:
    Firmen mit positivem Gewinnwachstum werden bevorzugt. Laut Susan Levermann kein sehr wichtiger Faktor, kann aber mit verwendet werden.

 

Sonderfälle

Ein wichtiger Sonderfall bei der Berechnung der Kennzahlen ergibt die Kapitalisierung (Large, Mid, Small), die sich aus Aktienanzahl * aktueller Kurs ergibt. Large Caps aus Leitindizes unterliegen Reversal-Effekten (s.o.), bei Small/Mid Caps ist das nicht der Fall. Small/Mid Caps unterliegen länger anhaltenden Trends, da ein einsetzender Erfolg länger und höher tragen kann. Meinungen vieler Analysten sind als Kontraindikator zu bewerten, bei wenigen Analysten (d.h. wenn die Aktie wenig Aufmerksamkeit erhält) dreht sich deren Meinung bei Small Caps (nicht Mid Caps!) zum Positiven um.

Ein weiterer Sonderfall ergibt sich für Finanzwerte (Banken, Versicherungen, Börsenanbieter, Immobilienaktien). Deren Eigenkapital dient nicht der Absicherung von Investitionen, entsprechend werden hier geringere Bedingungen an die Eigenkapitalquote gestellt. Ebenso gibt es keine EBIT-Margen im klassischen Sinne, weswegen diese Kennzahl bei Finanzwerten ignoriert wird.

 

In kommenden Blogbeiträgen möchte ich noch detaillierter auf die Kennzahlen, deren Berechnung, Besonderheiten, die Wirkung des Levermann-Modells und Anbieter von Levermann-Bewertungen eingehen. Stay tuned 😉

Ich bin quantitativer Investor auf stetiger Suche nach interessanten Investment-Möglichkeiten und Strategien zur Aktienauswahl. Ich bin stets daran interessiert Neues zu lernen und offen für Anregungen. Softwareentwickler, Triathlet, Papa, Suffizient. Dies ist ein privater Blog, ich schreibe hier aus Lust und Spaß an Aktien. Jedwede Information stellt keine Anlageberatung dar, Anlageentscheidungen treffen Sie allein auf eigene Gefahr.

2 Kommentare

Pingbacks

  1. […] Die Levermann-Strategie […]

  2. […] letzten Beitrag habe ich die Levermann-Strategie als quantitatives Modell zur Aktienauswahl beschrieben. In den nachfolgenden Beiträgen möchte […]

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .